FRAUEN IM BRENNPUNKT


Frau ohne Schleier.Malerei.AV.2014.

So könnte Anke Vrijs‘ jüngster Ausstellungstitel „Et les femmes sont au coeur du choc à 3venir“(1), ein Pressezitat, auf Deutsch heißen. Eine Ausstellung, die in Straßburg, im Europarat, vom 2. bis 26. September 2014 stattfand. Eine direkte Übersetzung des Titels ist eher schwerfällig, „Frauen im Brennpunkt“ kommt der Dramaturgie der Ausstellung nahe.

Lebenslauf  Anke Vrijs – 1962 Geburt in Groningen – 1981-86 Studium Kunst und Kunstgeschichte –  seit 1984 Internationale Einzel-u. Gruppenausstellungen, Stipendien und Kunstpreise –  seit 2008 Dozentin für Architektur, Institut National des Sciences Appliquées de Strasbourg –  2011 Promotion Bildende Kunst

Anke Vrijs präsentiert Frauen, die Schleier tragen. Bekanntes Thema, neigt es zur Eskalation und Differenziertheit.

„Es wird bereits über den Schleier berichtet im dritten Jahrtausend v.Chr. in Mesopotamien sowohl für Männer und Frauen, als auch für Gottheiten. Im Alten Ägypten ist ebenfalls sehr früh die Verschleierung von Gottheiten bezeugt, die sich auch in den Götternamen niederschlug, so beispielsweise für Amun (Der Verborgene). Im antiken Griechenland und Römischen Reich trugen die Frauen über ihrem Haar einen Schleier als Teil der Bekleidung und Symbol des Anstands. Vor rund 2000 Jahren drang der Schleier auf die Arabische Halbinsel vor und war dort ein Kleidungsstück der Aristokratie.“(2)

Auf Bildern sammelt Anke Vrijs ihre Gedanken zum Schleier. Gezeigt wurden im Europarat zwölf Fotomontagen und fünfzehn Malereien (Tempera).

 Sensibilität

Fotomontage.AV.2014.

Auf den Fotomontagen, verwendet sie Stickereien und setzt damit Akzente. Besonders auffällig sind dabei die spielerhafte Handhabung und die Poesie.


Fotomontage.AV.2014.

Richtungsweisend ist der Artikel „Ce sont les Arabes qui ont inventé les préliminaires“(3), ein Interview mit Malek Chebel, algerischer Anthropologe, Philosoph und Buchautor (L’Erotisme arabe, Verlag Robert Laffont). Malek Chebel beschreibt „weibliche Muslime als überdurchschnittlich sensibel und weiblich, ihren Körper besser kennend als westliche Frauen. Er beschreibt Körperlichkeit als Erotik eines altertümlichen überlieferten Ritus, auf die Liebe basierend, doch keusch und reserviert gegenüber profanen Freuden. Als eine voreheliche Geschlechterliebe, die auf Höflichkeit, gegenseitigen Respekt und Dafürhalten der körperlichen Vereinigung, nach der Verehelichung der Partner, hinzielt; der Ehemann, der Ehefrau in Ehrerbietung bis ans Lebensende dient. In einer Beziehung aus Leidenschaft und Hingabe, nur in den dafür vorgesehenen Grenzen der Ehe. Damit spricht er die verführerische Seite der Frau an, wie sie die arabischen Märchen erzählen. Obgleich diese Riten überliefert sind, genießen sie Exklusivität im Besonderen in bestimmten Schichten der Aristokratie, der Bildung, der Poesie und leben im Allgemeinen im Brauchtum der arabischen Population weiter.“(4)

Märchen lassen mit viel Poesie der ursprünglichen Erotik Flügel wachsen. Erotik ist dennoch Privatsache. Malek Chebel „weiß über die religiöse Bedeutung des Schleiers, sieht dadurch kein Hindernis, Gefühle auszudrücken. Er ist der Meinung, den Liebesbeziehungen junger Leute gehen, durch das Tragen eines Gesichtsschleiers der Frau nichts verloren. Das Geheimnis verbirgt sich hinter dem Tuch und wird während Ehe gelüftet.“(5)

Pragmatismus

Anke Vrijs: Ich kam auf den Schleier, nicht weil es ein aktuelles Thema ist; sondern weil ich gezeichnet habe in einer Ausstellung von Nicolas Gerhaert de Leyde. Und dann feststellte, dass im 16. Jahrhundert alle Frauen, fast auch alle Männer, was auf dem Kopf trugen. Einen Schleier oder einen Hut. Und wenn wir unsere Kunst anschauen, mit dem Blick auf das 15. oder 16. Jahrhundert, ist das normal. Es gehört dazu. Und heute, wenn wir eine verschleierte Frau sehen, mag dies Fragen aufkommen lassen! Was berührt uns? Ist es eine Provokation?

In der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten, steht im Artikel 9 (Gedanken-, Gewissens-und Religionsfreiheit): 1 – Jede Person hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens-und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung zu wechseln, und die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung einzeln oder gemeinsam mit anderen öffentlich oder privat  durch Gottesdienst, Unterricht oder Praktizieren von Bräuchen und Riten zu bekennen.(6)

Frédéric Bobin(1) beschreibt Situationen von Frauen in Afghanistan nach dem Ende der Herrschaft der Taliban 2001. Und hebt die vergleichsweise hohe Anzahl der Frauen in der Politik hervor. U.a. in öffentlichen Ämtern, bei Polizei und Justiz. Auch in Grund-u. Weiterführende Schulen sind bis zu 40% der Schüler weiblich.


Il ne s’agit pas d’une provocation.Malerei. AV.2014.

Im Grunde leben wir seit Jahrhunderten mit dem Schleier. Nur, jetzt müssen wir darauf achten und respektieren, dass andere anders denken. In Frankreich ist es verboten den Schleier in Schulen zu tragen. In deutschen Schulen tragen weibliche muslimische Schülerinnen die Kopfbedeckung.

Vier Malereien haben den identischen Titel „Il n’est pas un signe réligieux“.

Die Künstlerin stellt sich auch die Frage nach der “Religiösen Neutralität (Neutralité réligieuse)“. Auf dem Bild ist ein Heiligenschein zu sehen.


Neutralité réligieuse. Malerei.AV.2014.

Anke Vrijs: Diese „religiöse Neutralität“? Gibt es sie überhaupt?

Im öffentlichen internationalen Recht existiert das Gebot der Nichteinmischung. Der Begriff Neutralität dient hier einem uneingeschränkten Verhalten.

Anke Vrijs: Wenn wir ein Bild anschauen mit einem Heiligenschein dahinter, dann wissen wir genau was gemeint ist. Ich meine, wenn jemand keine religiöse Erziehung hat, dann stellt sich die Frage, warum laufen die alle mit „goldenen Tellern“ hinter dem Kopf rum? Unsere Erziehung und unser Blick sind geformt von unserer Geschichte und Kunstgeschichte. Und so sehen wir vielleicht auch den Schleier? Bei manchen Sachen stört uns das überhaupt nicht. Aber, wenn wir eine verschleierte Frau sehen, haben wir Zweifel und Fragen und verstehen es nicht mehr.

Im Menschenrechtkodex der Charta der Vereinten Nationen im Kapitel I (Ziele und Grundsätze), Artikel 1 (3), setzen die Vereinten Nationen sich folgende Ziele: eine internationale Zusammenarbeit herbeizuführen, … , die Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten für alle ohne Unterschied der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion zu fördern und zu festigen.(8)

Die Charta der Vereinten Nationen ist der Gründungsvertrag der Vereinten Nationen. Ihre universellen Ziele und Grundsätze bilden die Verfassung der Staatengemeinschaft, zu der sich alle Mitgliedstaaten bekennen. Die Charta wurde am 26. Juni 1945 in San Franzisco von damals 50 Gründungsstaaten unterzeichnet. Ihre Zahl hat sich auf 192 Mitgliedstaaten erhöht. Afghanistan ist seit 19.11.1946 Mitgliedstaat der Vereinten Nationen.  

So gehört der Schleier, als natürliche Kopfbedeckung, zum Mensch dazu, wie der Mensch zur Welt. Beide sind unzertrennlich.

(1) Bobin, Frédéric: En Afghanistan, les femmes en liberté surveillée,  in: Le Magazine du Monde (15.02.2014), S. 40.
(2) Quelle : Wikipedia
(3) Vécrin, Anastasia: Ce sont les Arabes qui ont inventé les préliminaires, in: Libération (23.8.2014), N°10347, S.20.
(4) Ders.
(5) Ders.
(6) https://conventions.coe.int
(8) United Nations Regional Information Centre for Western Europe, Charta der Vereinten Nationen

Print Friendly, PDF & Email
2017-05-16T12:50:44+00:00 4 juin 2015|Poesie|
Zurück zur Kategorie