Bildlegende: FANTASIELANDSCHAFT. (PAYSAGE DE FANTASIE ANIMÉ DE SCÈNES CHAMPÊTRES.) CARMONTELLE, Louis CARROGIS (dit) (1717 – 1806); © Photo RMN-Grand Palais – R. G. Ojeda.

Ein Gedicht * von dem französischen Dichter Arthur Rimbaud

“Arthur Rimbaud ist noch heute der größte und bekannteste Dichter Frankreichs. Es ist sehr schwer seine Gedichte in eine andere Sprache zu übersetzen. Eine Übersetzung kann nur eine Annäherung sein, dessen was seine Gefühle in seinen Gedichten ausdrücken.”(Petra Raguz).

OPHELIA – 1

Auf stiller, schwarzer Welle, in der Sterne feiern, 
Treibt, eine große Lilie, Ophelia weiß entlang, 
Treibt langsam hin, ruhend in ihren weiten Schleiern...
- Aus fernen Wäldern hört man Hörnerklang. 

Seit tausend Jahren zieht Ophelia bleicher Schemen 
Trauerend hinab des breiten Stromes schwarze Bahn; 
Seit tausend Jahren läßt sich leis ihr Lied vernehmen, 
In milde Abendlüfte murmelnd süßen Wahn. 

Der Wind küßt ihr die Brust, öffnet den Blütenreigen
Der wellenfeuchten Schleier, weich gewiegten Flor; 
Auf ihre Schulter weint es aus den Weidenzweigen, 
Und ihre große Träumerstirn neigt sich ins Rohr. 

Von schwanken, wunden Seerosen wird sie umtrauert; 
Sie weckt manchmal, in einer Erle stillem Traum, 
Ein Nestchen, dem ein leichter Flügelschlag entschauert: 
- Geheimnes Singen fällt aus goldnem Sternenraum.

OPHÉLIE – 1 / französische Originalversion von Arthur Rimbaud

Sur l'onde calme et noire où dorment les étoiles
La blanche Ophélia flotte comme un grand lys,
Flotte très lentement, couchée en ses longs voiles...
On entend dans les bois lointains des hallalis.

Voici plus de mille ans que la triste Ophélie
Passe, fantôme blanc, sur le long fleuve noir;
Voici plus de mille ans que sa douce folie
Murmure sa romance à la brise du soir.

Le vent baise ses seins et déploie en corolle 
Ses grands voiles bercés mollement par les eaux;
Les saules frissonnants pleurent sur son épaule,
Sur son grand front rêveur s'inclinent les roseaux.

Les nénuphars froissés soupirent autour d'elle;
Elle éveille parfois, dans un aune qui dort,
Quelque nid, d'où s'échappe un petit frisson d'aile:
- Un chant mystérieux tombe des astres d'or.

FRANKREICH – GEDICHTE VON ARTHUR RIMBAUD

Arthur Rimbaud wurde 1854 in Charleville(Ardennen) geboren. Sein Werk entstand in nur vier Jugendjahren. Mit fünfzehn begann er zu schreiben, bald darauf floh er aus seiner Provinzheimat nach Paris, wo er mit Paul Verlaine zusammenlebte – bis dieser ihn bei einem Streit durch einen Pistolenschuß verletzte und dafür zwei Jahre ins Gefängnis musste. 1874 wandte sich Rimbaud von der Literatur ab und widmete sich ausschließlich dem “Kapitalerwerb”, u.a. als Waffenhändler in Afrika. Ein Knietumor zwang ihn zur Rückkehr nach Frankreich, wo er 1891 starb. (ENTNOMMEN AUS: Arthur Rimbaud Sämtliche Dichtungen. Zweisprachige Ausgabe. dtv-Deutscher Taschenbuch Verlag.)

* Die deutsche Fassung ist entnommen aus: Arthur Rimbaud Sämtliche Dichtungen. Zweisprachige Ausgabe. dtv-Deutscher Taschenbuch Verlag. Aus dem Französischen übersetzt und mit Anmerkungen und einem Nachwort herausgegeben von Thomas Eichhorn.

 

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