2666 von Roberto Bolaño

2666, Kapitel 1, DIE KRITIKER; Roberto Bolaño’ Roman 2666 auf der Bühne; TNS.Théâtre National Strasbourg;11-26 März 2017;Theateradaptation Julien Gosselin. Foto:Simon Gosselin.

TOTAL

Ist die Arbeit von Julien Gosselin, französischer Theatermacher und Roberto Bolaño(1953-2003), chilenischer Autor, des 1100 Seiten Romans 2666. Eine nichtfiktive teilerfundene Geschichte, die dem Theaterzuschauer – der Buchleser darf selbst urteilen – Schwierigkeiten bereitet, sich zu orientieren. Ein Selbstbildnis eines ambitionierten Theatermachers und Schriftstellers.

Gosselin versucht sich an einer 11 stündigen Adaptation des Romans, der nicht mehr zu Lebzeiten Roberto Bolaño’ zur Veröffentlichung kam. Die Adaptation ist eine lehrreiche Ergänzung zum Buch; bewußt simuliert als schwarz-weiss Dokumentarfilm, der die Authentizität unterstreicht. Die Theaterversion ist auch fünfteilig, laut Buchinhalt. Angedacht waren von Verlegerseite ursprünglich fünf einzelne Bücher, die jedoch in einem Buchband veröffentlicht wurden. Bleibt der Aspekt der Verwirrung – der Buchleser darf selbst urteilen – der den Zuschauer in eine Welt großer unwiderruflicher Schreckenstaten führt.

Zusätzlich zur Totalität der Erzählung, wird dem Zuschauer Durchhaltevermögen abverlangt. Der Zuschauer soll nicht verschont werden und so nah wie möglich die Wahrnehmungen des Autors erleben. In den fünf Kapiteln DIE KRITIKER, AMALFITANO, FATE, DIE VERBRECHEN, ARCHIMBOLDI, gelingen im schwarz-weiss Film tiefe Einblicke in die Seele und Realität. Die Ausführungen des Professors und Philosoph Amalfitano’ erzeugen eine Tiefenentspannung mit dem Wunsch auf Ewigkeit; die, im Kapitel FATE,  sich verbindet mit einer extremen Erotik in den endlosen Nachtgesprächen eines afro-amerikanischen Journalisten, auf der hoffnungslosen Suche nach der Wahrheit.

DIE KRITIKER initiieren die Verwirrung. Der Grad der Verwirrung und die Ankündigung der Suche nach dem deutschen Autor Benno von Archimboldi ist suspekt, aber noch erträglich; kippt dann in DIE VERBRECHEN in einen Grad des Unerträglichen – Sexualverbrechen, unzählige Namen weiblichen Opfer werden genannt – der schwarz-weiss Effekt des Films auf der Bühne unterstreicht die Grausamkeit. Der Zuschauer ist mit sich und der grausamen Wahrnehmung alleine gelassen.

Ort der Veranlassungen ist immer die mexikanische Stadt Santa Teresa, an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Außer in ARCHIMBOLDI, das auch als Epilog dienen kann; aber nicht als Resultat der Suche nach einem Erfolgsautor. Besagtes Resultat muss auch nicht immer die Lösung sein! Das Theaterstück 2666 verbindet zwei Künstler der Neuzeit, die zeitgenössische Literaturgeschichte kreieren, kreierten. Text und Handlung zeitgenössischer Autoren auf die Bühne zu bringen ist kein Leichtes, sondern eine Herausforderung. Julien Gosselin hat es mit der Adaptation der Geschichten 2666 von Roberto Bolaño geschafft, Anliegen und Wahrnehmung des Autors zu vermitteln. Wobei hin und wieder die quälende Frage aufkommt, ob es sich um 2666 Verbrechen handelt oder ob die Handlung im Jahre 2666 spielt? Bis dahin bleibt Zeit die Wahrheit herauszufinden.

Der Roman 2666 ist in Frankreich verlegt bei Editions Christian Bourgois.

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2017-12-12T16:10:52+00:00 8 avril 2017|SAISON 16-17|
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