Im TNS/Saison 2016-17. Charles Berling und Mata Gabin in Dans la Solitude des Champs de Coton. Text, Bernard-Marie Koltès. Foto, Jean-Louis Fernandez.

Erkennen

Die Vielfalt der Stücke in der Theatersaison 2016-17 im Théâtre National de Strasbourg/TNS, ermöglicht eine Reflektion von Zeitgeschehen. Was passiert jeden Tag? Auf der Straße und in unseren Köpfen. Das Theater reflektiert diesen Alltag wieder. Die Saison beginnt mit einer Iphigenie auf Tauris, nach dem Text von J.-W. Goethe. Das Eröffnungsstück jeder neuen Saison im TNS ist repräsentativ für Zeitgeschehen – auch diesmal- in einer Zeit, die nicht einfach ist und aktive Prozesse und positives Denken von jedem erfordern. Insofern ist ein Theater nicht nur eine Unterhaltungsbühne sondern ein Instrument der Lehre und des Lernens. Seien es bekannte und junge Autoren, Theaterregisseure, Schauspieler, deutscher, französischer, internationaler Herkunft, sie geben den Ton an. Das Eröffnungsstück zeigt deshalb die « couleur » der kommenden Saison. Bereits drei Stücke wurden vor den Theaterherbstferien 2016 gespielt. Als erstes, eine sehr positive, menschenbeeinflussende Iphigenie mit Regie von Jean-Pierre Vincent, ehemaliger TNS-Direktor 1975-1983. Als zweites, ein morbider, (ver)zweifelnder Angelus Novus Antifaust mit Regie von Sylvain Creuzevault. Ein drittes, Dans la solitude des champs de coton – ein extravagant aufregendes Gespräch eines Dealer mit seinem Kunden – mit Text des berühmten zu jung verstorbenen strassburger Theaterautors Bernard-Marie Koltes in Regie von Charles Berling und Léonie Simaga. Soweit stehen bereits diese Themen im öffentlichen Raum; das positive Vermitteln von « Was wissen wir, was morgen ist? » einer Iphigenie, die jede, jeder von uns ist. Sie vermittelt Hoffnung in einer Zeit von Grausamkeit und Zerfall, nur durch ihren Mut zur Kritik eines alternden, hadernden Inselkönigs, dessen Gesetze obwohl hieb und stichfest, Genocide sind, die Iphigenie jedoch kurzweise ausser Kraft setzt. Oder der Antifaust, dressiert auf eine Gesellschaft, für die große Übel die Alltagsgeschäfte erledigen – ohnmächtig dessen was jeden Tag verändert werden könnte, doch ewig bleibt – weil es seine Wirkung zeigt. Ein Antifaust, der eher in einem Labor als auf der Strasse sitzt!  Prächtig bepackt mit dem beliebten Emotionsschwulst geht auch seine Wanderung weiter. « Wir wissen nicht wohin! ».  Dann das Vieraugengespräch des Dealers mit seinem Kunden. Brisantes Wortwerk und brandheisses Thema. Einerseits vernichtendes Zeugnis und Anklage einer Maschinerie, die den Stoff zum Träumen bietet; angeboten von namenlosen Gesetzlosen, die im hohen Netz taumeln; sie sind sowohl als auch bedroht vom Urteil – das Zwiegespräch ist in sich ausgewogen, beide Parteien übertragen ihre Schuld und Unschuld. Der Dealer, eine dunkelhäutige weibliche Schönheit auf der Bühne, hinterlässt ihre Spuren. Der Kunde, im anthrazitfarbenen gepflegten Anzug, beweist seinen Mut im Abweisen der emotionalen Klagen seiner Gesprächspartnerin. Das Ganze in einer Stunde und fünfzehn Minuten, ist ein spannendes Zuhören einer subtilen Anklage und Klage im freien Raum – ohne Richter.

Aktualität gibt Verständnis, dessen was ist. Auch die diesjährige TNS-Saison wird geführt vom neuen Theaterdirektor Nicolas Nordey. Die Direktion wechselt alle 4 Jahre; dieser schnellere in Frankreich vollzogene Wechsel wichtiger Kulturakteure ist stellvertretend für die Aktivität und Attraktivität des französischen Kulturgeschehens. Erkennen heißt nicht nur aus Vergangenheit lernen, sondern aktuelle Geschehnisse wahrnehmen und in die Gedanken einbinden. Somit Verständnis für die Zukunft bilden. Verstehen heißt sehen, hören, darüber sprechen. Kunst, egal welcher Art vermittelt Erkenntnis. Das ist ein Zusatz, der Rücksichtnahme fordert.

 

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