Frankreich 1761.Die Liebesgeschichte als philosophischer Essay.Von Oscar Heinke.

Aber sind es nicht eben die oben genannten unsichtbaren Hindernisse, die die Liebesgeschichten, zumindest in der belletristischen Fiktion, überhaupt erst interessant machen. Was wäre Romeo und Julia ohne die verfeindeten Montagues und Capulets? Was wären Madame Bovary oder Anna Karenina ohne die gesellschaftlichen Normen der Hochzeit, der Tugend, der Treue?

Der unmögliche Kompromiss zwischen Vernunft und Liebe erzürnt Rousseau und dessen Absurdität wollte er dem Leser seines Briefromans nahebringen. Vielleicht aber zeigt der riesige Erfolg des Werkes Julie oder Die neue Heloise, dass sich viele eben mit dieser Absurdität des Liebens identifizieren können. Vielleicht ist es nicht die Intensität der Liebe und der Leidenschaft, die eine Liebesgeschichte trägt, sondern vielmehr die Hindernisse und der Konflikt zwischen innerer Empfindung und kollektiver Vernunft, in die eine Liebe getragen werden muss, um einer Geschichte würdig zu sein.

Französischer Originaltext von Jean-Jacques Rousseau, Julie ou la Nouvelle Héloise, 1761.

 Mit Unterstützung der Familie Yilmaz Altinbas.

 

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