Soubresaut-Théâtre du Radeau-Francois Tanguy-TNS 17/18

Oh Schreck

Es gibt Spezialisten, die wissen sehr wohl was sie sagen. Und niemals ist es zu erwarten. Aber es ist ständig da. So ein Spezialist ist der Theatermacher François Tanguy. Hin und wieder, dazwischen liegen Jahre, kommt er mit seiner Truppe nach Straßburg. Das letzte Mal: 2007 mit Ricercar und 2013 mit Passim. Wenn das so ist, bleiben keine Plätze frei. So auch jetzt bei Soubresaut vom 9 bis 19 Januar 2018.

Um was geht es in diesem Theaterstück? Es geht um das sich Wohlfühlen. Um die Erkenntnis. Um sich selbst. Etwas tun zu dürfen aus eigenen Stücken. Verhaltensunabhängig anderer. François Tanguy weiß wie es geht. Und alles bewegt sich rein zufällig.

Das ist das Wort: Unauffällig. Ja nicht auffällig oder einer Order unterliegend. Denn alles was dieses geheimnisvolle Gleichgewicht der Sinne nicht fördert, schreckt sie auf. So ist das. Was ungestört bleiben will, bleibt unangetastet. Was ständig stört, empört.

Grosse Dichter

So ziehen Bruchstücke wohltuender Leidenschaften vor den Augen der Theaterbesucher vorbei, ähnlich einer Karawane, die den Blick auf die Wirklichkeit verschleiert. Dabei ist François Tanguy die Auswahl leidenschaftlicher Poesie bestimmt nicht leicht gefallen. Denn der Wunsch nach Harmonie überwiegt den der Disharmonie. Seine Textauswahl fiel auf grosse Dichter, Schriftsteller, Philosophen; Franz Kafka(1883-1924)(deutschsprachiger Schriftsteller geboren in Prag(Tschechien)); Ovide(43v.Chr.-17n.Chr.)(römischer Dichter); Paul Valéry(1871-1945)(französischer Dichter); Alighieri Dante(1265-1321)(italienischer Dichter); Peter Weiss(1916-1982)(deutsch-schwedischer Schriftsteller); Robert Walser(1878-1956)(deutsch-schweizerischer Schriftsteller), Søren Kierkegaard(1813-1856)(dänischer Philosoph); die der Theaterregisseur in den Bühnenszenen bebildert; teilweise sehr „malerisch“ und „dick aufgetragen“ – deshalb ein schillernder Effekt der Geschichten.

Diese Effekthascherei überwiegt auf der Bühne; und zeigt repetitiv, wie jähes sich Wohlfühlen, Versunkensein in sich, aufgeschreckt, gestört, verhindert, zu Nichte gemacht wird. Die Chance ist eher der Schreck als der Genuss.

Damit schafft der Theatermacher ein bleibendes Manifest auf der Bühne, was Poesie ist; welche Aufgabe sie hat. Dass sie die Aufgabe der Zerstreuung hat kommt klar zum Ausdruck. Dass aber die Zerstreuung nicht etwa oberflächlich ist, kommt den Schauspielern zu Gute. Die sich persönlich mit Leib und Seele einbinden, so sind die Metamorphosen, Zustände, zwischen Wohl und Unwohlsein leicht erkennbar.

Grosse Gefühle

Bare Münze bekommt die Seelenschau etwa im Sketsch Die Audition(L’Audition) von Robert Walser, die Idee eines Schauspielcastings, mit der zentralen Frage: Sie wollen Schauspieler werden? Dann zeigen sie mal was sie können? Und dem allzu wahren Hinweis, dass es sich um ein Spiel handelt. Obgleich Realität auf der Bühne eine Schrumpfform ist, sollte diese gut genug gespielt sein; um ihr, verständlich und ohne Hintergedanken, die Bedeutung zu zumessen, die ihr zusteht. Die Botschaft liegt in den Gefühlen, nicht in den Worten.

Jedoch beide, Gefühle und Worte, sind schwer zugänglich und sperriges Dickicht. Darum handelt es sich auch in Soubresaut. Ein bisschen Licht ins Dickicht zu bringen; die Finsternis zu erhellen und bei zu viel Erkenntnis: jäh zurückzuschrecken. Allzu viel Weisheit bringt nichts Neues!

***

Seit dreißig Jahren kreiert François Tanguy mit dem Théâtre du Radeau einzigarte, unvergleichbare Theaterstücke. Um aus gewissen Gewohnheiten auszubrechen, tiefer im lyrischen-poetischen Theater zu wirken. Seine Inszenierungen sind lebendige Bilder, in denen Text, Musik und Bewegung eins werden. Obwohl Soubresaut sein aufklärerischstes Stück ist, ist es nur eine Annäherung an die grossen Dichter der Welt, die in ihrer Einzigartigkeit die Realität so zu sehen vermochten(vermögen) wie sie nicht ist: Schön. In dieser Sicht überwiegt Echtheit und Einfachheit; die „schöne“ Strapaze der Erkenntnis bleibt eine Tortur.

Ursprünglich wurde das Théâtre du Radeau in Le Mans 1977 von Laurence Chable gegründet. 1982 wird François Tanguy Regisseur. Das Theater wird bekannt. Ab 1985 arbeitet Tanguy mit der Truppe in einer ehemaligen Automobilfabrik; dieser Ort heißt ab 1992 La Fonderie. Seitdem hat er Straßburg dreimal beehrt: 2007, 2013 und 2018. Tanguy und sein Theater verstehen sich als Kunstschaffende. Jedes neue Stück ist ein Gesamtwerk aus Text-u. Musikrecherche und Spielimprovisation: die den seltenen Charakter der Stücke ausmacht.

Soubresaut  Théâtre du Radeau, 9-19 Januar 2018, im TNS.

Regie: François Tanguy. Ton: Francois Fauvel, Julienne Havlicek Rochereau.

Mitwirkende: Didier Bardoux, Anne Baudoux, Laurence Chable, Frode Bjørnstad, Jean-Pierre Dupuy, Muriel Hélary, Ida Hertu, Vincent Joly, Karine Pierre, Jean Rochereau.

 

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2018-06-13T11:16:22+00:00 1 avril 2018|Poesie, SAISON 17-18, Theater|
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